„Die Narbe“ das Projekt

„Die Narbe“ ist ein Projekt des in Berlin lebenden Fotografen Martin U. K. Lengemann. Entlang der Geschichte seines Urgroßvaters und des Verlaufes der ehemaligen Westfront erzählte Lengemann, zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Krieges, in der Welt am Sonntag seine ganz persönliche Geschichte des Ersten Weltkriegs. Versöhnung statt Trennung ist sein Anliegen. Seit Jahrzehnten hat er sich speziell die Verständigung und das Verstehen zwischen Deutschen und Briten zur Aufgabe gemacht. Über viele Jahre hat er sich mit der Historie, Geschichten und Musik über und um den „Großen Krieg“ beschäftigt. Das Projekt „Die Narbe“ wird kontinuierlich erweitert und wird in Zukunft verschiedene Unterthemen erhalten, wie „“Die Stille“ oder „Verlorene Generation“…

Mein Vater und ich wurden in unterschiedlichen Städten geboren: mein Vater im Januar 1938 in Kassel, ich im September 1969 in Kassel. Zwischen diesen beiden Daten liegt die Auslöschung des alten Kassels und der Aufbau einer neuen Stadt in den 1950er Jahren.
Am Abend des 22. Oktober 1943 vernichteten britische Bomberverbände, im Rahmen des so genannten Flächenbombardements die Innenstadt einer der schönsten Städte Europas. Mit 97%iger Zerstörung wurde die Stadt nahezu eingeäschert.
Meine sechs jährige Tochter Charlotte fragte kürzlich ihren Großvater, „ Hast Du Deine Spielsachen eigentlich noch?“. Er antwortete, die seien alle im Krieg verbrannt, als das Haus seiner Eltern in der Wilhelmshöher Allee von einer Bombe getroffen wurde.
Die Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 hat das Verhältnis vieler Menschen mit denen ich aufgewachsen bin, auch in meiner Familie, zu Großbritannien geprägt.
Kassel war keine „unschuldige“ Stadt. Hier wurden der Kampfpanzer Tiger, Flugzeugmotoren und allerhand andere kriegswichtiger Güter hergestellt. Auf der Liste des britischen Bomber Command stand die Stadt unter den fünf wichtigsten Kriegszielen.
Aber es ging 1943 nicht mehr allein um militärische Ziele. Das britische Oberkommando hatte längst das „Moral Bombing“ angeordnet, die systematische Demoralisierung der deutschen Bevölkerung durch Flächenbombardements.
Wir Deutschen sollten auf niemanden mit dem Finger Zeigen. Britische Bomber flogen nur deshalb Angriffe auf deutsche Städte, weil die Luftwaffe seit 1939 Ziele in Großbritannien attackierte, darunter auch die Innenstädte von London, Portsmouth, Southampton, Plymouth, Exeter, Bristol, Bath, Cardiff, Birmingham, Coventry, Nottingham, Norwich, Ipswich, Sheffield, Manchester, Liverpool, Hull, Middlesbrough, Sunderland, Newcastle, Glasgow und Belfast. Alleine im Mai 1941 wurden über 375.000 Menschen in London obdachlos durch deutsche Bombenangriffe.
Der 2. Weltkrieg steht exemplarisch für das, was Menschen sich gegenseitig antun können – nicht zuletzt im Unfassbaren – im Holocaust.
Seinen Ausgang nimmt diese Geschichte allerding im 1. Weltkrieg. Im millionenfachen Sterben in den Schützengräben dieses „Großen Krieges“, wie die Briten ihn nennen, opferten die europäischen Nationen ihre Jugend und damit ihre Zukunft.
Um die Opfer und die Verluste, die dieser Krieg über die Welt gebracht hat, für alle beteiligten Seiten – darüber wird in diesem Projekt berichtet – UND darüber, warum sich eine Familie aufmachte, einen ehemaligen Feind lieben zu lernen.
Am Abend des 22. Oktober 1943 stand mein Vater, an der Hand seiner Mutter, in Freyburg an der Unstrut auf einem Hügel, wohin sie vor den Bombenangriffen zu Verwandten geflüchtet waren. Gegen 20:45h konnte man von hier aus, aus 200 Kilometer Entfernung, den Schein der brennenden Stadt Kassel sehen. Das Feuer erlosch erst nach sieben Tagen. Die Erinnerung an diese Nacht nie.
Mein Vater ging Anfang der 1950er Jahre, als einer der Ersten, als Austauschschüler in die USA. Die Herzlichkeit und Offenheit, mit der er aufgenommen wurde und die eigene Fähigkeit, auf Unbekanntes zu zugehen, haben es ihm leicht gemacht sich mit dem ehemaligen Feind zu versöhnen – ja Freundschaft zu schließen.
Ich kenne nicht viele Deutsche, die der angelsächsischen Welt so aufgeschlossen gegenüber sind, wie mein Vater es heute ist.
Wissen – Wissen über den Anderen, über sein Seien und Tun, aber auch über sein Leid und Opfer, machen Versöhnung erst möglich.
Meinem Ur-Großvater kam diese Erkenntnis bereits mitten in der Schlacht, im 1. Weltkrieg. Hierrüber werden Sie hier noch mehr erfahren. Ihm war verwehrt sofort Frieden zu schließen – ABER seine Geschichte und eine kleine Holzschachtel, machen dieses Projekt überhaupt erst möglich.
Versöhnung ist auch heute, über 100 Jahre nach Ausbruch des 1. Weltkrieges, der einzige Weg dauerhaft Frieden zu bewahren UND Versöhnung ist bis heute kein selbstverständliches Thema. Darum freue ich mich so sehr über jeden, der den Weg auf diese Seite gefunden hat.

 

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