“Die Narbe” die Reportage

Die Narbe

Über 750 Kilometer zog sich die Frontlinie im Ersten Weltkrieg durch den Westen Europas. Die
Spuren der Gefechte sind bis heute zu sehen. Unser Autor ist ihnen nachgegangen – entlang der
Geschichte seines Urgroßvaters
Als mein Urgroßvater starb, war ich fünf Jahre alt. Viele Erinnerungen habe ich nicht an ihn. Johannes
Menges war schon sehr alt und saß meistens in seinem Sessel und rauchte Pfeife. Über diesem Sessel
hing eine Kuckucksuhr. Ich liebte es, wenn der kleine Vogel zur vollen und halben Stunde erschien.
Wenn ich von meinen Urgroßeltern sprach, nannte ich sie Oma und Opa Kuckuck. Nur ein Dialog ist
mir mit meinem Opa im Gedächtnis geblieben. “Opa, warst du eigentlich im Krieg?”, hatte ich ihn
gefragt. Warum ich das fragte? Heute weiß ich es nicht mehr. Was einen kleinen Jungen so umtreibt.
Auch hatte ich sicher keine Ahnung, dass mein Urgroßvater schon zwei Weltkriege erlebt hatte. Ich
erinnere mich noch an die lange Pause, die entstand. “Ja”, sagte er. Ich muss nachgefragt haben, weil
er mir dann erzählte, wie er einmal auf einer Patrouille, zwischen den feindlichen Gräben, plötzlich
einen englischen Soldaten traf. Die beiden Männer beschlossen, nicht aufeinander zu schießen. Opa
sagte: “Wir wollten beide nicht sterben.” Sie rauchten gemeinsam, in einem Granattrichter sitzend,
eine Zigarette. Verständigen konnten sie sich nur schwer, da der eine nicht die Sprache des anderen
sprach. Dann ging jeder wieder zu seiner Linie. Am kommenden Tag wurde die Einheit meines
Urgroßvaters in Kampfhandlungen verwickelt. Er schoss auf englische Soldaten. Er sagte, er habe sich
das nie verziehen, es habe ihm gezeigt, wie grausam Krieg ist.
Meine Oma war fassungslos, als sie von unserem Gespräch erfuhr. Mein Urgroßvater hatte in den 56
Jahren nach Ende des Ersten Weltkriegs ihr gegenüber niemals ein Wort über seine Fronterfahrungen
verloren. Warum erzählte er nun einem Fünfjährigen davon? Wenige Wochen nach meinem Besuch
hatte Opa einen Schlaganfall. In der Nacht nach dem Sieg der Deutschen bei der Fußball-
Weltmeisterschaft 1974. Oma sagte: “Es war die Aufregung.” Er starb wenig später. Hinterlassen hat
er mir ein paar Karl-May-Bände und einen Sessel. Vor einigen Jahren gab mir mein Onkel eine kleine
Holzschachtel. “Die ist bei dir besser aufgehoben”, sagte er. In dem Kästchen waren Abzeichen,
Uniformschulterstücke, das Eiserne Kreuz meines Urgroßvaters und sein Militärpass, der über alle
seine Einsätze Auskunft gibt.
Der Erste Weltkrieg, diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, hat mich seit Kindheitstagen
umgetrieben. Seit mein Onkel in den späten 70er-Jahren in England gearbeitet hatte, ich ihn dort
mehrmals besuchte und mich in das Land und die Briten verliebt hatte, war für mich die Versöhnung
mit dem ehemaligen Feind ein Lebensthema. Oft dachte ich an die Zigarette zwischen den
Frontlinien. Als Jugendlicher bin ich mit dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge nach Verdun
gefahren, “Versöhnung über den Gräbern”, später mehrmals, um journalistisch in Frankreich über
das, was vom Krieg geblieben ist, zu berichten. Jetzt wollte ich zum ersten Mal die ganze Frontlinie
mit dem Auto abfahren. Wie Narben auf einem geschundenen Körper waren und sind die Spuren der
Kampfhandlungen von 1914 bis 1918 in Belgien und Frankreich zu sehen. Über 750 Kilometer zieht
sich die ehemalige Front von der Schweizer Grenze bis nach Nieuwpoort in Belgien. Marne, Verdun,
Champagne, Cambrai, Somme, Ypern. Experten sagen, man könne noch heute den Frontverlauf auf
Satellitenbildern erkennen. 100 Jahre nach Ausbruch der Kampfhandlungen. Es ist die Narbe Europas.

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Die Franzosen nennen die Stelle Kilomètre Zéro, Front de l’Este, die Deutschen südlichster Punkt der
Westfront. Zwischen Pfetterhausen und Moos im Elsass berührte die Front die Grenze zur Schweiz.
Der Bach La Largues teilt den Wald vor Moos. Am westlichen Rand, hinter den ersten Bäumen,
stehen die deutschen Bunker. Ein Bericht von André Dubail über das erste Gefecht am KM Zéro fasst
Oswald Schwitter auf seiner Internetseite www.schweizer-festungen.ch wie folgt zusammen:
“Anlässlich des französischen Vorstoßes vom 7. August 1914 stieß eine Schwadron Dragoner und ein
Zug Radfahrer als Flankensicherung von Réchésy gegen Pfetterhausen – Moos – Bisel vor. Die Vorhut
von 2 Patrouillen zu je 16 Reitern attackierte um 07.20h die deutschen Posten auf dem
Gerschwillerboden, 1 km westlich von Pfetterhausen. Der Schusswechsel alarmierte die dt.
Besatzung, etwa 110 Mann, unter Kommando von 2 Leutnants, welche südwestlich des Friedhofs bei
der Barrikade an der Straße nach Réchésy in Stellung ging. Beim Gefecht wurden 4 französische
Dragoner getötet. Die beiden deutschen Leutnants befürchteten, von einer Übermacht
eingeschlossen zu werden und gaben gegen 08.00h den Befehl zum Rückzug gegen Moos, obwohl sie
bisher nur einen Verwundeten hatten. Im Rapport der deutschen Offiziere war dann von
französischen Truppen aus zwei Infanterie Regimentern und zwei Dragoner Regimentern plus ein
Regiment Kürassiere die Rede, statt von ca. 200 Mann.”
Was wie eine Anekdote aus der Antike klingt, wurde eine halbe Autostunde weiter nördlich blutigster
Ernst. Im Elsass und auf der Rheinebene waren die Franzosen bereits sehr schnell nach Kriegsbeginn
auf deutsches Gebiet vorgestoßen und blieben auch dort, bis zum Waffenstillstand 1918. Es gab
gelegentliche Scharmützel, aber man bezeichnete diesen Abschnitt als ruhende Front. Eine der
grausigen Ausnahmen bildete der Hartmannsweilerkopf, der Hausberg des Ortes Hartmannsweiler.

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Die Soldaten beider Seiten nannten ihn den Menschenfresser. 956 Meter über dem Meer gelegen,
wird das Schlachtfeld als der militärisch wertloseste Aussichtspunkt der Front beschrieben. Im
Inneren hohl wie ein kariöser Zahn, von Hunderten Stollen durchzogen, befinden sich auf der
Oberfläche unzählige Schützengräben und Bunker. Jährlich zieht der Berg 200.000 Besucher an, die
sich am schönen Schauer des Grauens laben. Die Kuppe wechselte während des Krieges mehrmals
den Besitzer. Zwischen Dezember 1914 und Sommer 1916 starben hier 30.000 Soldaten. Die
militärische Führung beider Seiten bekam einen Vorgeschmack auf das, was sie im Stellungskrieg
noch alles erwarten würde.
Als ich auf den Berg will, sind alle Zufahrtsstraßen gesperrt. Es ist Frühling, aber es hat geschneit.
Keine Seltenheit in den Vogesen. Über Feldwege und Nebenstraßen fahre ich, bis auf 900 Meter über
dem Meer. An der Absturzstelle eines kanadischen Bombers aus dem Zweiten Weltkrieg stelle ich das
Auto ab. Ein Stein markiert heute den Ort. Oben angekommen, ist es ziemlich kalt. Der Wind pfeift
durch die Knopflöcher. Ich ziehe eine Tweedjacke über und binde den Schal enger. Wie mag sich das
für die Soldaten in den Gräben angefühlt haben? Wenn es wärmer wird, läuft das Tauwasser in alle
Vertiefungen. Die Soldaten beider Seiten standen dann in brackiger Brühe, einer Mischung aus
geschmolzenem Schnee, Exkrementen, Leichenteilen und Müll. Da hier oben der Boden lange hart
gefroren bleibt, musste man die Gefallenen den gesamten Winter über einfach liegen lassen. Und
gestorben wurde viel. Von Toiletten war selbstverständlich keine Rede. Der Gestank von Verwesung
und Fäkalien muss entsetzlich gewesen sein. Dazu der nie enden wollende brüllende Lärm der
Geschütze, Gewehre und explodierenden Granaten. Eh es zu spät wird, laufe ich noch zwei Kilometer
den Nachbarberg hinauf und sehe den “Menschenfresser” friedlich und vom frischen Schnee
eingezuckert vor mir liegen. Der Ausblick auf die Vogesen ist atemberaubend. Ich fahre entlang der
Front Richtung Nancy, nach Verdun.

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Zwischen 1914 und 1918 explodierten auf dem Schlachtfeld von Verdun etwa 50 Mio.
Artilleriegranaten. Insgesamt wurden von beiden Seiten 2,5 Mio. Soldaten eingesetzt. Wie viele
insgesamt fielen, lässt sich heute nicht mehr sagen. Zu viel wurde gefälscht und beschönigt. Nach
Berechnungen des britischen Historikers Niall Ferguson belief sich die Zahl der Toten während der
Kriegshandlungen auf etwa 6000 pro Tag und die Zahl der Getöteten insgesamt auf circa 350.000
Menschen. Verdun wird in der Literatur und den Geschichtsbüchern als “die Hölle” bezeichnet. Hier
bewegte sich die Front in vier Jahren nur um ein paar Meter. Für den Gewinn eines Schützengrabens
wurden Tausende von Leben geopfert. Der französische Hauptmann Augustin Cochin beschreibt, wie
er in der Stellung “Toter Mann” liegend, ohne den Feind zu Gesicht zu bekommen, Mann um Mann
im Granathagel verliert: “Die letzten zwei Tage in eisigem Schlamm, unter furchtbarem
Artilleriefeuer, mit keiner anderen Deckung als der Enge des Grabens … Natürlich hat der Boche nicht
angegriffen, das wäre auch zu dumm gewesen … Ergebnis: Ich bin hier mit 175 Mann angekommen
und mit 34 zurückgekehrt, von denen einige halb verrückt geworden sind … sie antworteten nicht
mehr, wenn ich sie ansprach.” Zehntausende Gefallene wurden nie gefunden. In tagelangem
Dauerfeuer wurden die Leichen förmlich pulverisiert. Nicht mehr identifizierbare Leichen wurden in
das Beinhaus Douaumont gebracht. Als ich dort, vor über 25 Jahren, zum ersten Mal war, zuckte ich
förmlich zurück, als ich mich bückte, um meine Schuhe zu binden. Direkt vor mir war ein Fenster.
Durch diese finstere Öffnung sah ich Berge von skelettierten Leibern. Bis heute bemerken die
wenigsten Besucher diese Fenster. Vielleicht wollen sie sie auch nicht sehen.
Wenn man mit dem Auto aus der Innenstadt kommend zum Douaumont fährt, hat man auch nach
100 Jahren keinen Zweifel, dass das hier die Hölle war. Auf Freiflächen und in den Wäldern
Schützengraben an Schützengraben. Nur unterbrochen von den millionenfachen Einschlägen der
Granaten. Zone Rouge nennt man die Areale, in die man bis heute nicht gehen darf. Noch immer
liegen unzählige Blindgänger in der Natur. Gas und Schrapnelle sind bis heute die gefährlichsten
Bedrohungen. An diesem Morgen bin ich sehr früh dran. Es ist noch dunkel. Ich möchte Aufnahmen
auf dem Schlachtfeld machen, wenn der Frühnebel aus den Bäumen und Niederungen steigt. Um
ehrlich zu sein, mir ist nicht ganz wohl, als ich, einsam und allein, durch die dunklen Wälder gleite.
Man kann sich schon vorstellen, wie Armeen von Untoten nachts über das Schlachtfeld ziehen.
Niemals Ruhe finden in diesem Inferno von Verdun. Unwillkürlich fahre ich etwas schneller. Hier
kenne ich beinahe jeden Schützengraben. Seit fast 30 Jahren durchstreife ich immer wieder die
Gegend. Wer einmal ein paar Tage in Verdun und Umgebung verbracht hat, der ist förmlich
erschlagen von der schieren Größe des Areals, das man als ehemaliges Schlachtfeld bezeichnet, und
von dem, was man heute noch sehen und erleben kann. Auch 100 Jahre nach Ausbruch ist der Krieg
noch überall greifbar.
Westlich von Douaumont, Toter Mann und Höhe 304 liegt Vauquois. Ein Berg, der auch noch zum
Schlachtfeld Verdun gehört. Eher ein Hügel, nicht so hoch wie der Hartmannsweilerkopf, aber ebenso
umkämpft. Eigentlich war es mal ein Berg. Auf dem Gipfel stand bis 1914 das Rathaus des kleinen
Ortes. Das Dorf schmiegte sich an den Hang. Französische und deutsche Pioniere haben den Berg
durchlöchert und mit Dynamit gefüllt. Dann haben sie sich gegenseitig in die Luft gesprengt, den Berg
mehrfach geteilt, sind dann wieder auf die jetzt mehreren Gipfel hinaufgestiegen und haben sich
weiter bekämpft. Als das keinen Erfolg brachte, hat man wieder gegraben. Die Stollen und Gräben
sind bis heute erhalten. Vor einem Einstieg wird dringend gewarnt. Als ich durch einen
Schützengraben laufe, kommt mir aus einem kleinen Tunneleingang in der Grabenwand eine Gruppe
Höhlenarbeiter in Schutzkleidung und mit Sicherungsausrüstung entgegen. Man versucht, das
Tunnelsystem zu sichern, damit dieses einmalige Zeugnis militärischer Pionierarbeit nicht
vollkommen in sich zusammenstürzt. 536 Sprengungen musste der Berg über sich ergehen lassen.
Vom Dorf Vauquois blieben nicht einmal die Kellerfundamente übrig. Da der Boden vollkommen von
Munitionsresten und Leichen verseucht war, wurde der überlebenden Bevölkerung eine Rückkehr
verweigert. Eine kleine Gruppe beschloss, unterhalb des Berges ein neues Vauquois zu errichten.
Heute leben hier 23 Menschen.

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Ich fahre durch die Champagne, an Reims vorbei, nach Noyon. Am 11. April 1918 wurden der
Unteroffizier Johannes Menges und sein Kurhessisches Füsilier-Regiment von Gersdorff Nr. 80 von
der Ostfront, aus Polen, nach Frankreich verlegt. Operation Michael. Nachdem es zwischen
Deutschland und Russland zum Waffenstillstand gekommen war, wurden alle verfügbaren Truppen
an die Westfront geworfen. Es begann die deutsche Frühjahrsoffensive. Ein letztes Aufbäumen einer
bereits wankenden Kriegsnation. Ab 8. Juni 1918 wurde mein Urgroßvater an vorderster Front,
südlich von Noyon, eingesetzt. An einer kleinen Landstraße zwischen Ribécourt und Bailly verlief die
Front. Die Reste eines zerstörten Bunkers liegen hinter einem mit Wasser gefüllten Granattrichter.
Friedlich schauen ein paar Kühe zu mir herüber.
Hier, 15 Kilometer vor Compiègne, wo einige Monate später der Krieg mit einem
Waffenstillstandsabkommen enden sollte, und etwa 80 Kilometer vor Paris endete General Erich
Friedrich Wilhelm Ludendorffs Obsession von der Eroberung der französischen Hauptstadt. Von hier
ab ging es für die Deutschen nur noch rückwärts. In Opa Kuckucks Militärpass ist von nun an nur noch
von Abwehrgefechten die Rede. Die erwähnten Orte liegen nun immer weiter nördlich.

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George Sainton Kaye Butterworth, geboren am 12. Juli 1885, galt in England als das größte
musikalische Talent seiner Generation. Jeder, der sich mal zu Klassik Radio verirrt hat, kennt seine
Orchesterstücke “The Banks of Green Willow” und “A Shropshire Lad”. Butterworth hatte sich gleich
zu Beginn des Krieges freiwillig an die Front gemeldet. Er war 29 Jahre alt, als er, am Vorabend seiner
Abreise nach Frankreich, den größten Teil seiner Kompositionen im Kamin verbrannte. Er wollte,
sollte er nicht überleben, nur mit Stücken in Erinnerung bleiben, von denen er wirklich überzeugt
war. 19 Werke hielten seinem Urteil stand. Der Rest ging in Flammen auf. Butterworth war ein guter
Soldat. Er bekam exzellente Beurteilungen von seinen Vorgesetzten und wurde bald zum Offizier
befördert. Bei seinen Untergebenen war er äußerst beliebt. In Pozières an der Somme wogte die
Front über Wochen hin und her. Mal gewann die eine Seite ein paar Gräben, mal die andere. Die
Verluste waren außergewöhnlich. Am 16. und 17. Juli 1916 nahmen Leutnant Butterworth und seine
Männer eine Reihe von Schützengräben ein. George Butterworth wurde bei dieser Aktion leicht
verletzt. Wegen besonderer Tapferkeit wurde ihm das Military Cross zugesprochen. Am 4. August
bekam seine Einheit den Auftrag, den wichtigen Verbindungsgraben Munster Alley zurückzuerobern,
den die Deutschen seit ein paar Tagen besetzt hielten. Seine Soldaten gruben einen
Annäherungsgraben Richtung Munster Alley und nannten diesen Butterworth Trench, um ihren
Anführer zu ehren. Die Schlacht an der Somme erreichte an diesem Tag ihren absoluten Höhepunkt.
Obwohl unter Beschuss der eigenen Artillerie liegend und unter schweren Verlusten, gelang die
Rückeroberung. Um 4.45 Uhr am Morgen des 5. August schlugen die Deutschen zurück. George
Butterworth wurde von einem deutschen Scharfschützen tödlich im Kopf getroffen. Hastig begruben
ihn seine Männer noch im Graben. In den heftigen Bombardements der folgenden zwei Jahre wurde
das Grabensystem bei Pozières vollkommen zerstört. Butterworths Leiche wurde niemals gefunden.
Der Bürgermeister von Pozières hat vor ein paar Jahren veranlasst, dass ein Straßenstummel hinter
seinem Haus in Butterworth Road benannt wird. Dieser mündet in einen Feldweg, dieser in eine Piste
und diese in einen Hohlweg, der der östliche Zugang zum Grabensystem war, zu dem auch Munster
Alley gehörte. Der Weg vom Haus des Bürgermeisters zu diesem Hohlweg ist nur mit einem
Geländewagen oder einem Traktor zu befahren. Kurz bevor ich den Hohlweg erreiche, halte ich den
Wagen an, um ein Foto zu machen und zu überprüfen, ob der Weg noch breit genug ist, um ihn mit
dem Land Rover zu passieren. Da wäre es beinahe geschehen. Vor mir aus dem Weg ragt der Zünder
einer scharfen Schrapnellgranate. Beim Umpflügen des benachbarten Felds muss der Pflug die
deutsche Artilleriegranate aus dem Erdreich befördert haben. Wäre ich 15 Meter weitergefahren,
würde ich wahrscheinlich nicht mehr diese Zeilen schreiben. Ironie des Schicksals: Ich, der englische
Musik so sehr liebt, steuere einen Handgranatenwurf entfernt von der Stelle, an der George
Butterworth starb, auf eine deutsche Granate zu. Ich fahre zurück zum Haus des Bürgermeisters und
melde ihm den Vorfall. Den Rest erledigt der Kampfmittelräumdienst. Die kommen hier eh alle zwei
Tage vorbei und sammeln ein, was so gefunden wurde.
Als ich zu der Reise aufgebrochen war, direkt vor meiner Abfahrt nach Frankreich, war mir meine
kleine Tochter Charlotte auf dem Weg zum Auto hinterher gelaufen. Sie hatte mir einen selbst
gebastelten lächelnden Engel in die Hand gedrückt: “Papa, wenn etwas Schlimmes passiert, soll der
Engel auf dich aufpassen.” Ich habe den Engel auf das Armaturenbrett gestellt und ihn während der
Reise gelegentlich zurückangelächelt. Ganz besonders nach dem Vorfall in Pozières. Als ich wieder in
Berlin ankam und alle Daten der Reise sichtete, fiel mir zum ersten Mal auf, dass George Butterworth
am 5. August gestorben war. Ich hatte stets über das Datum hinweggelesen. Der 5. August ist
Charlottes Geburtstag. Einen Schutzengel muss man haben.

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Eine halbe Stunde nordwestlich von Pozières liegt Cambrai. Hier tobte vom 20. November bis 6.
Dezember 1917 die erste große Panzerschlacht der Geschichte. Ende Juli 1918 wird der Kriegsheld,
Philosoph, Insektenkundler und Schriftsteller Ernst Jünger hierherverlegt. Es werden Stoßtruppführer
gebraucht, echte Helden. Ein letzter heroischer Einsatz gegen die Übermacht, die seit dem
Kriegseintritt der Amerikaner übermächtig ist. Sein Kriegstagebuch “In Stahlgewittern” ist das
Zeugnis einer Generation im Blutrausch. In den Originalmanuskripten schreibt Jünger, was nicht
veröffentlicht wird: “Wann hat dieser Scheißkrieg ein Ende?” Wenige Tage später ist der Krieg für ihn
vorbei. Lungendurchschuss. Am 22. September 1918 verleiht ihm der deutsche Kaiser für diesen
letzten Einsatz in Cambrai den Hausorden der Hohenzollern, den Pour le Mérite. Am 8. und 9.
Oktober findet die zweite und letzte Schlacht um Cambrai statt. Unteroffizier Johannes Menges und
seine Kurhessischen Füsiliere sind in der Rückwärtsbewegung. Müdigkeit, Dreck, Krankheiten und
schlechte Versorgungslage. Abwehrgefechte im offiziellen Sprachgebrauch. Wenige Tage später wird
Opa Kuckuck mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Ein Land gibt sein Letztes für seine Männer, in
einem längst verlorenen Krieg.

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Langemark in Flandern. Hier begann es 1914. “Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der
Welt …!”, sangen die deutschen Kriegsfreiwilligen, als sie in das Mündungsfeuer der britischen
Maschinengewehre stürmten. 45.000 liegen auf dem Soldatenfriedhof, den die Nazis zum
Nationalmythos stilisierten. Endlose Reihen von Namen auf Tafeln. Man möchte sich übergeben vor
Wut. Hier an der Westfront waren beide Seiten bereit, ihre Jugend zu opfern. Und sie taten es.
Ypern, nur ein paar Autominuten von Langemark entfernt. Am 22. April 1915 setzten deutsche
Truppen zum ersten Mal Chlorgas ein. Am 12. Juli 1917 testeten deutsche Truppen, wieder bei Ypern,
erstmals Senfgas. Das Tabu ist gebrochen. Spätestens ab jetzt war der Krieg mit nichts mehr zu
vergleichen, was es vorher je gegeben hatte. Seit 1928 wird jeden Abend um Punkt 20 Uhr unter dem
Menenpoort der Last Post geblasen, der Zapfenstreich. Das Menenpoort ist ein Gedenktor, welches
an der Stelle steht, an der das alte Stadttor von Ypern stand, durch das die britischen Truppen täglich
auf das Schlachtfeld zogen. Im Inneren des Tores stehen die Namen von 54.896 toten britischen
Soldaten, die bei Ypern fielen und deren Gräber nicht bekannt sind. Vor der Stadt hat ein Privatmann
ein Museum und einen Erlebnisparcours mit Schützengräben rekonstruiert. The Sanctuary Wood Hill
62. Dort, wo von April bis August 1916 Tausende kanadische Soldaten im Dreck und Gestank der
Schützengräben starben, während sie Ypern verteidigten, kann man heute für zehn Euro Eintritt
ausprobieren, wie es sich anfühlt, bis zur Brust im Brackwasser zu stehen oder durch einen gefluteten
Tunnel zu robben, in dem Stacheldrahthindernisse liegen. Jede Haftung des Betreibers wird
ausgeschlossen.
10. Oktober bis 11.November 1918, das Kurhessisches Füsilier-Regiment von Gersdorff Nr. 80 zieht
sich von Cambrai über Saint-Quentin nach Maubeuge zurück. Ein letztes Mal werden in Opa Kuckucks
Militärpass Abwehrgefechte notiert. Dann ist der Krieg zu Ende: “11. bis 28. November. Rückzug aus
den besetzten Gebieten”.

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Endlich. Nach etwa 750 Kilometern erreiche ich bei Nieuwpoort die belgische Küste. Ein Himmel über
mir, wie ihn die flämischen Maler des 16. Jahrhunderts nicht schöner hätten auf die Leinwand
bringen können. Es übersteigt die Vorstellungskraft, dass wenige Kilometer von hier im Gas
gestorben wurde. Der Krieg scheint am Strand weit weg. Ich sitze und starre auf das Meer. Dort
drüben liegt England. Ich denke an die Zigarette zwischen den Schützengräben, ich denke daran, was
Menschen sich antun können, und ich denke, was dieser Krieg für den weiteren Verlauf des 20.
Jahrhunderts bedeutet hat. Dann steige ich ins Auto und fahre an einem Stück zurück nach Berlin.

 

Text und Fotos von Martin U. K. Lengemann


 

Erschienen am 29.Juni 2014 in der Welt am Sonntag

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